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Wenn der Berg faellt
Longarone, Oktober 1963 → die Frage fuer die Schweiz
Wenn der Berg faellt
Nicht die Staumauer bricht. Das Wasser wird hinausgeworfen. In Vajont dauerte das 45 Sekunden — die Mauer blieb ganz, rund zweitausend Menschen starben. Wie sicher sind die Schweizer Talsperren wirklich?
Diese Seite ist eine Risiko-Einschaetzung — fuer alle, die in die Schweiz und ihre Energie investieren, und fuer die kommende Generation, die Wartung, Kosten und Risiko erbt.
Der Mechanismus
Eine ganze Mauer, kein einziger Riss
Am 9. Oktober 1963 rutschten rund 270 Millionen m³ Fels in den Stausee — bei einer Wassermenge von nur 115 Millionen m³. Der Fels verdraengte das Wasser, es schwappte 250 Meter ueber die Mauerkrone. Die duenne Bogenmauer hielt vollstaendig. Was das Dorf ausloeschte, war die Welle — in unter 15 Minuten.
Deshalb ist die Frage „wie schnell laesst sich der See ablassen?“ die falsche. Ablassen dauert Stunden. Verdraengen dauert Sekunden. Eine intakte Mauer schuetzt nicht davor.
OL-DEWas sich veraendert
Die Berge fallen deutlich haeufiger
Seit rund 15 Jahren nehmen grosse Fels- und Bergstuerze in den Alpen klar zu. Fachleute fuehren das eindeutig auf den Klimawandel zurueck: tauender Permafrost und schwindende Gletscher, die den Fels bisher stuetzten.
Nach Aussagen von SLF Davos (Samuel Weber), Geologe Michael Krautblatter (TU Muenchen) und dem Deutschen Alpenverein. Die ~450 Ereignisse im Mont-Blanc-Massiv beziehen sich auf den Extremsommer 2025.
OL-DEDie stille Annahme
Warum die Erbauer es nicht wissen konnten
Hohe Felswaende ueber 2500 m werden vom Permafrost zusammengehalten — gefrorenes Wasser als „Kitt der Alpen“, das Fundament des Berges. Die Staumauern der 1950er und 60er Jahre wurden auf genau diese Welt gerechnet: gefrorene, stabile Haenge.
Das war 1960 keine Fahrlaessigkeit. Anthropogene Erwaermung als Ingenieur-Eingabe gab es nicht — der erste IPCC-Bericht kam 1990, Permafrost als Bergsturz-Treiber wurde erst nach dem Hitzesommer 2003 ein Forschungsfeld.
Der Unterschied zu Vajont ist wichtig: dort war die Gleitflaeche bekannt und wurde ignoriert. Hier ist es umgekehrt — eine korrekte Bauweise, unter der sich die Welt veraendert hat. Der Kitt taut. Die Gletscher, die den Wandfuss stuetzten, ziehen sich zurueck. Die Sicherheitsrechnung ruht auf einer Annahme, die still ablaeuft.
Blatten, Mai 2025: Die Instabilitaet am Kleinen Nesthorn wurde rechtzeitig erkannt — das Dorf war neun Tage vorher geraeumt, als der Berg auf den Birchgletscher stuerzte und Blatten zu 90% verschuettete. Die Ueberwachung rettete die Menschen (ein Todesopfer). Sie rettete das Dorf nicht — und einen Stausee kann man nicht evakuieren.
- 2017 · Bondo GR
Rund 3 Mio m³ vom Piz Cengalo, 8 Wanderer tot — kein Sturm als Ausloeser, sondern das langsame Tauen. Das Dorf entging der Zerstoerung nur knapp. - 2023 · Brienz/Brinzauls GR
Dorf evakuiert vor einem drohenden Absturz von rund 1,2 Mio m³. - 2025 · Blatten VS
Fels-Gletscher-Lawine verschuettet 90% des Dorfs — neun Tage nach der Vorsorge-Raeumung. Ein Todesopfer.
Die Rechnung kommt spaeter
Eine Last fuer Generationen
Gut 200 grosse Talsperren stehen unter Bundesaufsicht, dazu hunderte kleinere Anlagen. Fast alle stammen aus dem Bauboom von 1950 bis 1970. Sie brauchen dauerhaft: Instrumenten-Ueberwachung, Erdbeben-Ertuechtigung, Sediment-Management — und jetzt zusaetzlich die Ueberwachung jedes Hanges ueber jedem See, ein Posten, den die Erbauer nie budgetiert haben. Georges Darbre vom Bund hat Betreiber bereits angewiesen, mehrere Mauern wegen Erdbebengefahr zu verstaerken, und verlangt Notfallplaene und Alarmketten.
Der Gletscherforscher Wilfried Haeberli warnt seit Jahren doppelt: Felsstuerze koennen tsunamiaehnliche Schwallwellen ausloesen, die bis zum Rhein zu spueren waeren — und kuenftige Generationen koennten zu wenig in den Erhalt der Mauern investieren, sobald die Erbauer-Generation weg ist.
Das ist die klassische Infrastruktur-Falle: aufgeschobene Wartung ist unsichtbar — bis sie es nicht mehr ist. Wer heute spart, verschiebt keine Kosten, sondern ein Risiko auf die naechste Generation. Und anders als eine Strasse laesst sich eine 285-Meter-Mauer nicht einfach sich selbst ueberlassen.
Fuer Investoren ist das eine offene, unbefristete Verbindlichkeit, die oeffentlich niemand sauber beziffert — und ein Klimarisiko an alternden Anlagen, das gerade neu bepreist wird.
OL-DEWarum wir sie trotzdem brauchen
Die Batterie des Landes
Man kann die Talsperren nicht einfach aufgeben. Wasserkraft lieferte 2024 rund 60% des Schweizer Stroms. Davon kommt etwa die Haelfte aus Speicherkraftwerken — den grossen Mauern in den Bergen.
Die Staumauern allein liefern also knapp einen Drittel des ganzen Schweizer Stroms. Und nicht irgendeinen: sie liefern Winter- und Spitzenstrom, steuerbar auf Knopfdruck.
Solar und Wind (~11%) wachsen schnell — aber sie liefern am wenigsten im Winter und lassen sich nicht steuern. Kernkraft (~29%) ist steuerbar, steht aber im politischen Rueckbau. Der Speichersee ist das einzige grosse, steuerbare, einheimische Standbein, das bleibt.
Das ist die eigentliche Zwickmuehle: dieselben Bauwerke sind zugleich das groesste Naturgefahren-Risiko und das Rueckgrat der Versorgung. Aufgeben ist keine Option — nur richtig unterhalten.
Zahlen gerundet, Produktionsmix 2024 (BFE). Aufteilung der Wasserkraft nach mittlerer Produktionserwartung.
OL-DENicht Angst — Vorsorge
Quellen
- Vajont 1963 - Universita di Padova, Italian Journal of Engineering Geology and Environment
- Vajont 1963 - AGU Landslide Blog (D. Petley)
- Grande Dixence - Historisches Lexikon der Schweiz
- W. Haeberli (Glaziologie) und G. Darbre (Bund) - ZDF-Doku "Talsperren, die unterschaetzte Gefahr"
- Bergsturz-Haeufigkeit - SLF Davos (Samuel Weber)
- Bergsturz-Haeufigkeit - M. Krautblatter, TU Muenchen
- Bergsturz-Haeufigkeit - Deutscher Alpenverein (T. Hipp)
- Mont-Blanc-Massiv 2025 - Stuttgarter Zeitung
- Bondo 2017 - SRF
- Blatten 2025 - ETH Zuerich, Faktenblatt
- Blatten 2025 - Geopraevent, Projektdokumentation
- Strom-Produktionsmix 2024 - Bundesamt fuer Energie BFE
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