Zyklen
Zwei Modelle, die behaupten, Geschichte laufe in Takten. Eines davon ist meines. Beide stehen hier mit dem, was dagegen spricht.
OL-DEDer 28-Jahre-Takt
Meine eigene Zeitachse, gezeichnet 2021. Fuenf Marken im Abstand von je 28 Jahren: 1905 die erste Duma, 1933 die Machtuebernahme der Nazis, 1961 der Bau der Berliner Mauer, 1989 ihr Fall, 2017 der Amtsantritt von Trump und das Ende der Globalisierungsphase. Der naechste Punkt faellt auf 2045.
Das ist keine wissenschaftliche Arbeit und gibt sich nicht als eine aus. Es ist eine Beobachtung: die Abstaende zwischen diesen Ereignissen sind auffaellig gleichmaessig, und die Ereignisse selbst markieren jeweils einen Wechsel der politischen Grundordnung, nicht bloss einen Regierungswechsel.
OL-DE
Der 80-Jahre-Takt
Unabhaengig davon gibt es ein aelteres und weit bekannteres Modell: die Generationentheorie von William Strauss und Neil Howe. Sie beschreibt ein Saeculum von rund 80 bis 100 Jahren – ungefaehr eine lange Lebensspanne – das in vier Abschnitte von je etwa 20 bis 25 Jahren zerfaellt.
Die vier Abschnitte heissen Hoch, Erwachen, Zerfaserung und Krise. Die Krise ist der Abschnitt, in dem die bestehende Ordnung nicht repariert, sondern ersetzt wird. Als Ankerpunkte im angelsaechsischen Raum nennen die Autoren die Glorious Revolution, die Amerikanische Revolution, den Buergerkrieg und die Weltwirtschaftskrise mit dem Zweiten Weltkrieg. Howe datiert die laufende Krise auf den Beginn 2008.
Der Mechanismus dahinter ist der interessantere Teil: Vorsicht wird aus Katastrophen gelernt und stirbt mit denen, die sie erlebt haben. Sobald niemand mehr im Amt ist, der die letzte Katastrophe selbst erlebt hat, faellt die institutionelle Vorsicht weg. Das dauert ungefaehr eine Lebensspanne. Dieser Gedanke ist nicht neu und nicht exklusiv – Hyman Minsky hat dasselbe fuer Finanzkrisen beschrieben.
OL-DEBeide Takte in einem Bild
Die grosse Welle ist der 80-Jahre-Takt, die kleine darauf der 28-Jahre-Takt. Der Regler waehlt das Jahr, die Tasten den Ausschnitt – von 30 Jahren bis zurueck ins Jahr 1600, also rund sechs Saecula.
OL-DEModellkurven, keine Messgroesse. Die grosse Welle steigt langsam ueber Hoch, Erwachen und Zerfaserung an und faellt dann steil durch die Krise: Aufbau ueber 63 Jahre, Zerfall ueber 21. Hochpunkt auf dem Krisenbeginn, Tiefpunkt auf dem Krisenende. Die kleine Welle ist der 28-Jahre-Takt und beginnt erst 1905 – davor gibt es keine Marken, also auch keine Linie.
Regler schieben, Tasten zoomen
Wo sich die beiden beruehren
Die beiden Modelle behaupten nicht dasselbe. 28 und 80 gehen nicht ineinander auf. Aber sie greifen an denselben Daten: 1933 und 1989 liegen in beiden Systemen an markanten Stellen, und beide setzen den laufenden Umbruch in die Gegenwart – meiner ab 2017, Howe ab 2008.
Was beide teilen, ist die Grundannahme: politische Ordnungen halten ungefaehr so lange, wie die Erinnerung an ihre Entstehung haelt. Was beide nicht leisten, ist eine Vorhersage mit Datum.
OL-DEDer Takt muesste sich dehnen
Wenn der Treiber wirklich das lebende Gedaechtnis ist, dann folgt daraus etwas Unbequemes fuer das Modell: eine Bevoelkerung, die deutlich laenger lebt, muesste einen laengeren Zyklus tragen. Die Lebenserwartung in den USA lag 1900 bei 47 Jahren, 1950 bei 68, 2000 bei 77 und liegt heute bei rund 79. Das sind gut drei Jahrzehnte mehr innerhalb der Zeitspanne, aus der Strauss und Howe ihre Ankerpunkte ziehen.
Im Modell dehnt sich der Takt aber nicht. Die vier Abschnitte bleiben bei 20 bis 25 Jahren, das Saeculum bei rund 80, quer ueber vier Jahrhunderte. Entweder ist das Gedaechtnis nicht der Mechanismus, oder der Kalender muesste laufend nachgefuehrt werden. Beides steht so nicht im Buch.
Der ehrliche Einwand gegen den Einwand: die grosse Zunahme kommt daher, dass Kinder ueberleben, nicht daher, dass Erwachsene laenger leben. Wer 1900 das zwanzigste Lebensjahr erreichte, konnte mit etwa 62 rechnen, heute mit rund 79. Das sind knapp 17 Jahre statt 32. Fuer ein Gedaechtnis-Argument zaehlt nur diese zweite Zahl, denn Saeuglinge sitzen in keinem Amt. Die Dehnung waere also kleiner als die Schlagzeile, aber vorhanden: rund ein Fuenftel laenger, was aus 80 Jahren etwa 95 machen wuerde.
OL-DEWas dagegen spricht
- Die Stichprobe ist zu klein. Angelsaechsische Geschichte seit 1600 ergibt fuenf oder sechs Saecula. Aus fuenf Datenpunkten laesst sich kein Zyklus belegen – fast jede Periodenlaenge liesse sich hineinlegen. Fuer meine fuenf Marken gilt das genauso.
- Das Modell ist schwer widerlegbar. Die Grenzen der Abschnitte werden nachtraeglich verschoben, damit sie zu den Ereignissen passen. Als die 1990er die vorhergesagte Krise nicht brachten, wurde die Zerfaserung einfach verlaengert. Ein Modell, das jedes Ergebnis aufnimmt, sagt keines voraus.
- Es gibt einen klaren Fehlschlag. Strauss und Howe setzten die Krise auf etwa 2005 an, mit Aufloesung bis Mitte der 2020er Jahre. 2008 liegt nah genug, um es zu reklamieren – das Ende ist inzwischen auf die 2030er Jahre gerutscht.
- Es ist eng angelsaechsisch. Auf China, Russland oder den osmanischen Raum angewandt passen die Abschnitte nicht. Ein Zyklus, der nur in einem Kulturkreis funktioniert, beschreibt diesen Kulturkreis, nicht die Geschichte.
- Die gestiegene Lebenserwartung muesste den Takt dehnen, wenn das Gedaechtnis tatsaechlich der Treiber ist. Im Modell tut sie das nicht.
- In der Geschichtswissenschaft wird die Theorie weitgehend ignoriert. Gelesen wird sie vor allem bei Investoren und in der politischen Kommentierung.
- Welche Ereignisse als Krise zaehlen, waehlen die Autoren selbst aus. Zwei Weltkriege in einem Abschnitt, aber der Erste Weltkrieg zaehlt nicht als eigene Krise. Ohne feste Regel dafuer laesst sich die Abfolge passend machen.
- Fuer die vier Generationen-Archetypen gibt es keinen Mechanismus, nur die Beschreibung. Warum genau vier und warum in dieser Reihenfolge, wird nicht hergeleitet.
- Das Publikum will, dass es stimmt. Ein Modell, das eine bevorstehende Krise ankuendigt, findet bei Investoren und in der politischen Kommentierung mehr Zustimmung als eines, das nichts vorhersagt. Das ist kein Gegenbeweis, aber ein Grund, bei Bestaetigungen genauer hinzusehen.
Was stehen bleibt
Der Mechanismus, nicht der Kalender. Dass institutionelle Vorsicht ungefaehr eine Lebensspanne haelt und danach abgebaut wird, ist plausibel und in Teilen messbar. Dass daraus ein Fahrplan mit Jahreszahlen wird, ist es nicht.
Ich behalte meinen 28-Jahre-Takt als das, was er ist: eine Beobachtung an fuenf Punkten, die mir beim Ordnen hilft. Nicht als Prognose. Wer aus einem Muster eine Vorhersage macht, hat das Muster bereits ueberdehnt.
OL-DEQuellen
- William Strauss, Neil Howe: Generations. The History of America, 1584 to 2069. William Morrow, 1991.
- William Strauss, Neil Howe: The Fourth Turning. An American Prophecy. Broadway Books, 1997.
- Neil Howe: The Fourth Turning Is Here. Simon and Schuster, 2023.
- Hyman P. Minsky: Stabilizing an Unstable Economy. Yale University Press, 1986 (Finanzgedaechtnis und Risikobereitschaft).
- Eigene Zeitachse 28 YEARS - Time Era Cycles, Handzeichnung, 2021.06, eigene Website.
- Centers for Disease Control and Prevention / NCHS, Lebenserwartung USA 1900 bis 2024 (47,3 im Jahr 1900, 68,2 im Jahr 1950, rund 79 heute).
- Bell und Miller, Life Tables for the United States Social Security Area, zur Lebenserwartung ab Alter 20.
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