JUTZI Philipp

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Aufarbeitung · Armee gegen das eigene Volk

Sie schossen auf die eigene Bevoelkerung

Dreimal setzte die Schweiz ihre Armee2 gegen Streikende und Demonstranten ein. Dreimal wurde in die Menge geschossen. In Grenchen und Genf wurde kein einziger Schuetze und kein Offizier verurteilt.

21

Tote, 1918–1932

0

verurteilt, Grenchen und Genf

Tote pro Armee-Einsatz

Grenchen 19183
Basel 19195
Genf 193213

Die Befehlskette Name fuer Name

Grenchen SO · 14.11.1918 · 3 Tote

Landesstreik

Major Henri PeletGab den Feuerbefehl
Oberst HirtPlatzkommandant Solothurnschickte Pelet
Bundesrat Camille DecoppetChef Militaerdepartement 1914–1919
Bundespraesident Felix CalonderRechtfertigte das Truppenaufgebot
General Ulrich WilleForderte das Truppenaufgebot

Basel · 1.8.1919 · 5 Tote

Faerberstreik

Oberstkorpskommandant Hermann SteinbuchOberkommandomit Oberst Jecker (Platz)
Bundesrat Camille DecoppetTruppen auf Ersuchen der Basler Regierung

Genf · 9.11.1932 · 13 Tote

Plainpalais

Oberleutnant Raymond BurnatGab den Feuerbefehl
Oberst Ernest LederreyChef der Rekrutenschule Lausanne
Staatsrat Frederic MartinBefahl den Armeeeinsatz
Bundesrat Rudolf MingerBewilligte die Truppe

Sie hatten Namen

Geburtsjahre teils aus Alter und Todesjahr berechnet, auf ein Jahr genau.

Grenchen · 14.11.1918

Drei junge Uhrmacher

Alter / Jahre

Marius NoirjeanUhrmacher171901 – 1918 †
Fritz SchollUhrmacher211897 – 1918 †
Hermann LanzUhrmacher291889 – 1918 †

Von hinten erschossen. Ihr Grabstein verschwand zwischen 1948 und 1950. Erst 2008 erhielten sie eine Gedenktafel am Zytplatz.

Basel · 1.8.1919

Fuenf Tote
drei davon Frauen

Alter / Jahre

Franz WoeberMaurerpolierClaraplatz–1919 †
Frieda NyffelerHausfrauRebgasse–1919 †
Rosa HunzikerSchneiderinKasernentor201898 – 1919 †
Karl FaesslerSchuhmacherKasernentor–1919 †
Julia EschmannDienstmaedchenKasernentor–1919 †

Genf · 9.11.1932

Dreizehn Tote
die meisten Passanten

Vater und Sohn

Albert Francis Clerc, 54, Fraeser in der Fabrik Gardy und Gewerkschafter, starb in der Menge. Sein Sohn stand auf der anderen Seite: unter den Rekruten, die das Feuer eroeffneten.

Alter / Jahre

Henri FuerstMechanikerPraesident KP Genf381894 – 1932 †
Albert Francis ClercFraeserGewerkschafter541878 – 1932 †
Melchior AllemannHotelangestellterSozialist311901 – 1932 †
Hans Brugger281904 – 1932 †
Emile GuignetAngestellter271905 – 1932 †
Emile HenryBootsmannQuai Wilson551877 – 1932 †
Edmond JunodMechanikerMotosacoche291903 – 1932 †
Alphonse Kolly411891 – 1932 †
Jean-Pierre LarderazKaufm. Angestellter231909 – 1932 †
Gabriel LoupBaeckermeister571875 – 1932 †
Oscar MaurerBankangestellteraus der Abendschule251907 – 1932 †
Edouard QuilletHeilsarmee341898 – 1932 †
Marius RattazOberlehrerstarb am 14.11.361896 – 1932 †

Nur zwei der dreizehn, Fuerst und Allemann, waren politisch bekannt. Die anderen waren Arbeiter, Angestellte und Schaulustige.

Genf 1932

Wer ins Gefaengnis ging

Soldaten0
Offiziere0
Linke Aktivisten7

Die Auswahl der Truppen

Keine Soldaten aus dem Volk, das sie bewachen sollten

1918LandesstreikRund 95'000 Mann wurden aufgeboten. Die Einheiten kamen ausnahmslos aus «zuverlaessigen» laendlichen Gebieten und aus der Westschweiz, nicht aus den Arbeiterstaedten.
1918GrenchenDie oertlichen Truppen, aeltere Maenner aus der Umgebung, setzten auf Deeskalation. Die Armee beschloss «energisches Durchgreifen» und holte ein Waadtlaender Bataillon. Den Truppen aus Biel wurde gesagt, die Soldaten in Grenchen wuerden Befehle verweigern und sich mit den Streikenden verbruedern.
1919WeisungIm Februar 1919 regelte eine geheime Weisung des Generalstabs den Einsatz bei inneren Krisen: Man griff auf Einheiten mit geringem Arbeiteranteil von ausserhalb der betroffenen Staedte zurueck.
1919BaselEingesetzt wurde zuerst die Bewachungs-Kompanie 10 des Grenzschutzes. Der Kompaniekommandant befahl vor der Abfahrt, auf Steinewerfer zu schiessen. Eine Warnung gab es nicht.
1932GenfNicht die Genfer Truppen, sondern Rekruten aus Lausanne in der sechsten Ausbildungswoche. Man sagte ihnen, in Genf sei die Revolution ausgebrochen. Wer sich weigerte, bekam in Lausanne andere Aufgaben.
Das Ziel war in allen drei Faellen dasselbe: Truppen, die nicht zur Menge ueberlaufen.

Und heute?

Den Ordnungsdienst gibt es immer noch

Der Einsatz der Armee gegen innere Unruhen heisst Ordnungsdienst und ist bis heute eine Form des Aktivdienstes. In dringlichen Faellen, wenn das Parlament nicht tagt, kann ihn der Bundesrat allein anordnen. Das Parlament muss erst sofort einberufen werden ab:

4000
Armeeangehoerigen
3
Wochen Dauer

Darunter entscheidet in diesem Fall der Bundesrat allein. Genf 1932 hatte 108 Rekruten an der Front.

Quelle: Militaergesetz SR 510.10, Art. 76 und 77

Parteien in politischer Verantwortung

Wo die Parteien standen

FDP1918, 1919
Liberale1932
BGB → SVP1932
FDPautoritaerlibertaerlinksrechts

FDP

1918–1919

Staatspartei mit absoluter Mehrheit bis 19191, wirtschaftsliberal, Kern des Buergerblocks.

heute

FDP.Die Liberalen: wirtschaftsliberal, gesellschaftlich offener.

Liberaleautoritaerlibertaerlinksrechts

Liberale · Genf

1932

Konservative Liberale, protestantisch gepraegt, staatsskeptisch. Heute in der FDP.Die Liberalen aufgegangen.

BGB SVPautoritaerlibertaerlinksrechts

BGB → SVP

1932

Bauern-, Gewerbe- und Buergerpartei, 1919 vom Freisinn abgespalten, ab 1929 im Bundesrat.

heute

Seit 1971 SVP, ab Mitte der 1980er-Jahre nationalkonservativ umgebaut.

Punktlage: Einschaetzung auf Basis des HLS, keine Messung.

Nachschlagen

Parteien kurz erklaert

FDP: Freisinnig-Demokratische Partei, 1894 gegruendet, im Alltag «der Freisinn». Bis 1919 hatte sie dank des Majorzsystems die absolute Mehrheit im Nationalrat. Heute FDP.Die Liberalen.

Liberale: 1913 gegruendete Liberale Partei, konservativ, staatsskeptisch, lange protestantisch gepraegt. In Genf die Partei des alten Buergertums. 2009 in der FDP.Die Liberalen aufgegangen.

BGB: Bauern-, Gewerbe- und Buergerpartei. Nach der Einfuehrung des Proporzes 1919 vom Freisinn abgespalten, ab 1929 im Bundesrat, 1971 in SVP umbenannt.

Zusammenfassung

Politische Verantwortung im Ueberblick

PolitkompassautoritaerlibertaerlinksrechtsFDP 1918FDP 1919LiberaleBGBFDP.Die LiberalenSVP
Grenchen, 14.11.1918 · 3 Tote. Truppenaufgebot durch den Bundesrat unter Bundespraesident Calonder (FDP), Militaerdepartement Decoppet (FDP), gefordert von General Wille.
Punktlage: Einschaetzung auf Basis des HLS, keine Messung.

«Nie wieder Armee-Einsatz gegen die Bevoelkerung»

Inschrift der Gedenktafel, Basel

Mehr dazu

1Grenchen 1918 und Basel 1919 geschahen, als die FDP dank Majorz allein die absolute Mehrheit im Nationalrat hielt. Damit keine Partei je wieder allein bestimmt: Sitz-Obergrenze von 20% pro Partei.
Ein-Partei-Risiko eliminieren →

Quellen

OL-DE

TS120

Faktencheck8/10

Namen, Daten und Befehlskette aus HLS, Parlamentsdiensten, Lokalgeschichte und Presse geprueft, Rechtslage am Militaergesetz. Abzug: Geburtsjahre teils berechnet, Basel stuetzt sich auf eine Lokalgeschichtsseite, Punktlage der Parteien ist Einschaetzung.

Stand 08.10.2026