Was schon feststeht
Was schon feststeht
Vier Kapitel, alle erst spaet geoeffnet
Die folgenden Verfehlungen sind amtlich aufgearbeitet und anerkannt - nicht als Einzelfaelle, sondern als staatliche Praxis. Jede von ihnen brauchte Jahrzehnte bis zur Anerkennung.
1930-1981
Administrative VersorgungenMindestens 60 000 Menschen wurden von Kantonen und Gemeinden in rund 650 Anstalten weggesperrt, ohne Delikt und ohne ordentliches Verfahren. Aufgearbeitet von einer unabhaengigen Expertenkommission, Schlussbericht 2019 unter dem Titel Organisierte Willkuer.
1926-1973
Kinder der Landstrasse586 jenischei Kinder wurden ihren Familien nachweislich weggenommen, unter Mitwirkung kommunaler und kantonaler Behoerden und mit Bundesgeldern bis 1967. 2025 anerkannte der Bundesrat, dass die Verfolgung der Jenischen nach heutigem Voelkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen ist.
Wer sind die Jenischen?Eine eigenstaendige Volksgruppe Mitteleuropas, seit dem 16. Jahrhundert in der Schweiz belegt - nach eigenem Verstaendnis ein reisendes Volk von Handwerkern und Haendlern, mit eigener Sprache, dem Jenischen.
Die Jenischen sind nicht zugewandert. Sie sind in Mitteleuropa aus der eigenen Bevoelkerung entstanden - aus Menschen, die vom 17. Jahrhundert an von Land und Zunft ausgeschlossen auf die Strasse geraten waren: Familien, die der Dreissigjaehrige Krieg entwurzelt hatte, abgedankte Soldaten, landlose Bauern, wandernde Handwerker. Ueber Generationen wurden aus denselben Wegen und Gewerben - Scherenschleifen, Korbflechten, Hausieren, Altwaren - ein Volk mit eigener Identitaet.
Das Jenische ist keine fremde Sprache, sondern deutsche Grammatik mit einem eigenen Wortschatz, entlehnt aus dem Jiddischen, dem Hebraeischen und dem Romanes - der Sprache derer, mit denen man die Strasse teilte. Der Name selbst, erstmals 1714 in Wien belegt, geht wohl auf das Romanes-Wort fuer wissen zurueck: die Wissenden.
Was sie nicht sind: keine Sinti, keine Roma - diese stammen vom indischen Subkontinent und sprechen Romanes. Heute leben rund 30 000 bis 35 000 Menschen jenischer Herkunft in der Schweiz, etwa jeder zehnte noch fahrend. Seit 1998 in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt, als bisher einzigem Land.
Die Jenischen sind nicht zugewandert. Sie sind in Mitteleuropa aus der eigenen Bevoelkerung entstanden - aus Menschen, die vom 17. Jahrhundert an von Land und Zunft ausgeschlossen auf die Strasse geraten waren: Familien, die der Dreissigjaehrige Krieg entwurzelt hatte, abgedankte Soldaten, landlose Bauern, wandernde Handwerker. Ueber Generationen wurden aus denselben Wegen und Gewerben - Scherenschleifen, Korbflechten, Hausieren, Altwaren - ein Volk mit eigener Identitaet.
Das Jenische ist keine fremde Sprache, sondern deutsche Grammatik mit einem eigenen Wortschatz, entlehnt aus dem Jiddischen, dem Hebraeischen und dem Romanes - der Sprache derer, mit denen man die Strasse teilte. Der Name selbst, erstmals 1714 in Wien belegt, geht wohl auf das Romanes-Wort fuer wissen zurueck: die Wissenden.
Was sie nicht sind: keine Sinti, keine Roma - diese stammen vom indischen Subkontinent und sprechen Romanes. Heute leben rund 30 000 bis 35 000 Menschen jenischer Herkunft in der Schweiz, etwa jeder zehnte noch fahrend. Seit 1998 in der Schweiz als nationale Minderheit anerkannt, als bisher einzigem Land.
bis 1981
Fuersorgerische Zwangsmassnahmen und FremdplatzierungenZehntausende Kinder und Jugendliche wurden verdingt, fremdplatziert und in Heimen ausgebeutet. Der Bundesrat entschuldigte sich 2013, das AFZFG trat 2017 in Kraft, der Solidaritaetsbeitrag von 25 000 Franken war bis Maerz 2018 zu beantragen.
20. Jahrhundert
Zwangssterilisationen, Zwangskastrationen, ZwangsadoptionenEingriffe und Adoptionen unter Zwang gehoerten zum selben Dispositiv und wurden von der Expertenkommission mitberuecksichtigt. Sie sind bis heute schwaecher erforscht als die Versorgungen - unter anderem, weil die Akten dazu fehlen.
Das Muster ist in allen vier Kapiteln dasselbe: Jahrzehnte Praxis, dann Druck von aussen, dann ein Eingestaendnis, dann eine Kommission. Nie umgekehrt. Und jedes Mal war die erste Huerde dieselbe - die Akten.
OL-DEQuellen
- Bundesgesetz ueber die Aufarbeitung der fuersorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 (AFZFG, SR 211.223.13)
- Unabhaengige Expertenkommission Administrative Versorgungen, Schlussbericht Organisierte Willkuer, 2019
- Historisches Lexikon der Schweiz, Hilfswerk fuer die Kinder der Landstrasse
- Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel Jenische
- Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel Rotwelsch (Jenisch als Sondersprache)
- Eidgenoessische Kommission gegen Rassismus EKR, Themendossier Jenische, Sinti und Roma, 2024
- Schweizerisches Bundesarchiv, Dossier zu den Akten der Pro Juventute, 1998
- Bundesrat, Entschuldigung bei den Opfern fuersorgerischer Zwangsmassnahmen, 11.04.2013
TS120